Stabkirchen und Äxte

Heute in der Früh war ich sehr erstaunt, dass ich vor Andreas wachgeworden bin. Immerhin war es schon 8:15 und er schlief sogar noch weiter, nachdem ich aufgestanden und auf der Toilette gewesen war. Um ihn nicht zu wecken, nahm ich den Kindle zur Hand und las weiter in der Biografie von Erni Mangold. Einige Zeit später wurde er wach und meinte, dass er sich nicht wohlfühle. Offensichtlich ist er gestern einmal zu viel nass geworden. In Dresden hatte es ihn ja auch schon erwischt. Unsere Reiseapotheke ist gut ausgestattet und es fand sich ein geeignetes Heißgetränk.

Heute verwöhnte ich ihn mit Frühstück, allerdings muss ich zu meiner Schande gestehen weniger aufwendig. Frisch geduscht fühlte er sich wohler und ging eine Runde, um die Drohne fliegen zu lassen. Bilder habe ich noch keine gesehen, aber es sind sicher Fotos vom See dabei. Ich habe in der Zwischenzeit abgewaschen, aufgeräumt und das Bett gemacht, damit wir unsere Reise möglichst bald fortsetzen konnten. Vom Wetter her war es heute eher bedeckt und sehr windig und kühler als in den letzten Tagen. Wir wollten uns weiter in der Region Telemark umsehen.

Wider Erwarten konnten wir nicht um den See herumfahren, um zu unserem nächsten Ziel zu kommen, sondern mussten den gesamten Weg bis zu der Kreuzung, wo wir gestern spontan abgebogen sind, zurückfahren. Nach einer eher langen Fahrt durch eine wunderschöne Gegend mit viel Wald kamen wir am Parkplatz bei der Stabkirche in Heddal an. Dort befanden sich fast mehr Wohnmobile als Autos und vor und neben uns stand jeweils eines aus Österreich. Die Stabkirche in Heddal ist die größte noch erhaltene in Norwegen und sehr beeindruckend. Wir bekamen auch eine Führung, die sich so gestaltete, dass alle in der Kirche Platz nahmen und der Guide, der aussah wie ein Wikinger, uns alles über die Kirche erzählte. Ich habe viel über norwegische Geschichte und die dieser Kirche gelernt. Beeindruckend ist, dass ein Großteil der verwendeten Baumstämme noch immer original sind und aus dem 13. Jahrhundert stammen. Für den Bau solcher Stabkirchen werden 200 bis 400 Jahre alte Bäume verwendet, denen dann die Wipfel abgeschnitten und die Äste entfernt werden. Dann lässt man die Stämme noch 20 Jahre so im Wald stehen, bevor sie gefällt werden. Danach lässt man ihnen noch ein paar Jahre zum Trocknen, bevor sie verwendet werden.

Die Kirche war ursprünglich katholisch und mit Bildern von Heiligen bemalt. Nach der Reformation wurden sie mit Blumenmustern übermalt und noch später wurden im unteren Teil der Mauer Teppiche an der Wand befestigt, die aber wieder entfernt wurden, da sie den Gläubigen nicht gefallen haben. Leider hatte sich darunter Schimmel ausgebreitet, der die Malereien vernichtet hat, aber an manchen Stellen die ursprünglichen Bilder wieder freilegte.

Es werde im Sommer noch immer Messen in dieser Kirche gelesen. Im Gebäude gegenüber befindet sich ein Saal, in dem im Winter die Messen gelesen werden. Die alte Kirche zu heizen, würde sie vermutlich bald zerstören. Es befindet sich auch ein Museum und eine Ausstellung in dem Gebäude, wo die replizierten Heiligenbilder ausgestellt werden. Dort befindet sich auch der Originalkronleuchter mit Kerzen aus der Kirche. Es gäbe noch viel Interessantes zu berichten, zum Beispiel warum die Eingangstüren so schmal sind oder woher der Begriff stinkreich kommen könnte/kommt, aber das würde den Rahmen sprengen. Fahrt selbst hin und schaut und hört euch das an. Es ist wirklich empfehlenswert.

Das nächster Ziel war Uvdal, das nördlich von Heddal liegt. Bei der Anreise erlebten wir zwei Überraschungen: erstens den kleinen Bahnhof Rjukanbanen, wo einerseits die Bahn fährt und andererseits dampfbetriebene Fähren über den See fuhren. Es sieht nett und idyllisch aus und von der anderen Seeseite aus sehen die Fähren noch richtig stattlich aus. Zweitens änderte sich die Landschaft, da wir in den Bereich der Täler und Fjells (Gebirge) vordrangen. Es gab Serpentinen und ein Hochplateau über der Baumgrenze und nur mehr 13°, gefühlt waren es weniger. Auf manchen Berghängen waren noch Schneereste zu sehen. Dann ging es wieder bergab und einen See entlang und dann folgten die nächsten Serpentinen. Es war schön und unerwartet zugleich. Meist hat man bei Norwegen die Fjorde im Kopf, aber es gibt auch andere interessante Landschaften und sehr sportliche Menschen. Wir begegnen täglich Langläufern, die derzeit auf Skirollern trainieren und unglaubliche Bauchmuskeln haben.

Die zweite Stabkirche des heutigen Tages, die wir besichtigt haben, war die von Uvdal, die für ihre Rosenmalerei berühmt ist. Sie ist kleiner als die Kirche in Heddal und beeindruckt durch die Malerei und die Stimmung, die verbreitet wird. Im Sommer finden in ihr immer noch Messen, Taufen und Hochzeiten statt. Der Friedhof drum herum ist im Gegensatz zu Heddal nicht mehr in Betrieb und es sind nur wenige Kreuze und Grabsteine erhalten. Besonders ist auch, dass sie in einem Museumsdorf steht. In einem der Häuser sind Äxte von Waldarbeitern ausgestellt, die diese zum Markieren der Baumstämme, die auf dem Wasser ins Tal gebracht wurden, verwendeten. In Norwegen gibt es ungefähr 2000 Waldbesitzer und die Stämme mussten ja zugeordnet werden können. Der Enkel des Mannes, der die Äxte bester Qualität herstellte und auch die ideale Axt zum Markieren erfunden und geschmiedet hat, betreibt dieses Museum und erklärt mit viel Freude die Details. Die Erklärungen selbst kamen von einer Dame. Andreas hat gefragt, ob er ein Foto mit ihm und der idealen Axt machen darf, da unser Sohn sehr an Äxten interessiert ist. Das hat ihn sehr gefreut.

Karl Oddbjorn Knudsen hat uns dann noch ein wenig über sich erzählt und Bilder von seinen sportlichen Erfolgen gezeigt und von der Übergabe eines „Verdienstordens“ durch König Harald. Er ist jetzt 87 Jahre alt und noch sehr fit und er kennt auch das Geheimnis seines Großvater, wie diese qualitätvollen Äxte hergestellt werden. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit und solltet ihr vorbeikommen, redet mit ihm. Für diejenigen, die an einer guten Axt interessiert sind, ist er wohl der beste Ansprechpartner und interessanter Weise sind sie auch unglaublich leicht.

Wir beschlossen den nächsten Punkt auf unserer Route auszulassen, da ein Museumsdorf am Tag genug ist. Andreas wurde auch schon müde und Hunger hatten wir auch. Heute gestaltete sich die Stellplatzsuche etwas schwieriger, da alles, was wir gut fanden, nicht eben genug war oder es war verboten dort zu campieren. Jetzt stehen wir auf einem Parkplatz in einer kleinen Ortschaft mit Blick auf einen Berg mit Schneeresten und Grünland hinter uns. Über die nähere Umgebung rede ich lieber nicht (man kann und soll hier Müll trennen), aber es ist nur für eine Nacht zum Schlafen und es kostet nichts.

Ich wünsche euch eine gute Nacht. Es ist hier um 22:18 immer noch taghell und Andreas schläft schon. Ich hoffe, er bekommt kein Fieber. Alles Liebe, EVA

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